Ulmer Thesen für nachhaltige Bildung

Bildung anders denken
oder
Anregungen für eine grundlegende Bildungsreform

Einblick

Der Corona Lockdown hatte Anfang 2021 die Schwächen unseres Bildungssystem schmerzlich offengelegt. Der Gedanke, sich für eine grundlegende Reform einzusetzen, hatte sich festgesetzt. So hat sich im Februar 2021 ein „Runder Tisch“ als Bildungsinitiative an der Ulmer Volkshochschule gebildet. Zeitweise haben sich bis zu 20 Vertreter:innen aus den unterschiedlichsten Bereichen unserer Gesellschaft, Wirtschaft, Industrie, Kultur, Politik, Bildungswesen etc. Gedanken zur Frage gemacht: Wie geht Bildung überhaupt, insbesondere in einer Zeit größter Herausforderungen?

Bis Januar 2022 waren dann 10 „Ulmer Thesen für nachhaltige Bildung“ erarbeitet worden, sowie ein Aufruf an die bildungspolitisch Handelnden entstanden.


Ulmer Thesen für nachhaltige Bildung
Ideen für eine Grundhaltung aller pädagogisch Handelnden

1. Anerkennende sowie vertrauensvolle und achtsame Zuwendung sind Basis und Maxime allen pädagogischen Handelns.

2. Die Unterschiedlichkeit der Menschen wird als Bereicherung verstanden und gefördert.

3. Das Wissen der Kinder, ihr selbständiges Denken und ihre eigenständige kreative Begegnung mit sich, den anderen und der Welt werden als motivierende Kräfte aufgenommen, strukturiert und erweitert.

4. Ein möglichst selbstständiger Erwerb und die eigenverantwortliche Anwendung von Wissen, Fähigkeiten und künstlerischen Fertigkeiten verstärken sich gegenseitig im fairen Voneinander und Miteinander und erzeugen so die motivierende Kraft der Selbstwirksamkeit.

5. Die Schule ermöglicht eine verantwortungsbewusste Aneignung der Welt mit allen Sinnen und allen geistigen, musischen und körperlichen Kräften in individuellen Geschwindigkeiten und auf vielfältigen Lernwegen.

6. Lehren, Lernen und Erziehen basieren auf zwischenmenschlichen Beziehungen. Hierfür wird Zeit eingeräumt.
7. Durch die Stärkung von Selbstvertrauen und Eigenverantwortung entstehen Autarkie und Widerstandskraft gegenüber Manipulationsversuchen aller Art.

8. Die Schule ist Lebensraum. Alle durchlaufen sie. Hier wird ein friedliches, demokratisches und solidarisches Miteinander erlernt und gelebt.

9. Ein wertschätzendes und freudvolles Schulklima erlaubt Stärken und Schwächen, Erfolge und Misserfolge, Fehler und deren Korrektur. Das ermöglicht die Entfaltung von zuversichtlichen und mutigen, zugleich toleranten und kritischen Persönlichkeiten.

10. Die Schule spiegelt Zeit und Welt. Veränderungen werden rasch und besonnen diskutiert und integriert. So werden die Schüler befähigt, sich gut informiert eine eigene Meinung zu bilden, um die Welt verstehen und verantwortlich in ihr handeln zu können.

Notwendige Rahmenbedingungen für nachhaltige Bildung
Ein dringender Auftrag für alle bildungspolitisch Handelnden


1. Bildungspolitik unabhängig von Tages- und Parteipolitik ermöglicht Kontinuität und
Verlässlichkeit.

2. Einheitliche, beständige Rahmenbedingungen über die föderalen Grenzen hinaus erhöhen die Gerechtigkeit im Bildungssystem und stärken damit das Vertrauen in seine Einrichtungen.

3. Weniger bürokratische Belastungen lassen mehr Zeit für die pädagogische Arbeit; insbesondere für den Aufbau von Beziehungen als eine basale Voraussetzung für Bildung. So entstehen mehr Engagement und Motivation bei Lehrern und Schülern.

4. Regionale und kommunale Selbstorganisation und -verwaltung der Bildungseinrichtungen ermöglichen die schnelle Steuerung passgenauer Prozesse.

5. Die seit Jahren bekannten Erkenntnisse der Lern- und Entwicklungspsychologie legen eine andere Fehler- und Prüfungskultur nahe. Motivierende Feedbacks führen zu größerer Lernfreude und Leistungswillen; Neugierde bleibt erhalten und Interesse an lebenslangem Lernen kann entstehen.

6. Unsere Schulen sollten möglichst ohne die permanente Unterstützung durch Eltern oder kommerzielle Anbieter auskommen. Dies gelänge durch die Verringerung von hierarchie- und notenbasiertem „Bulimie-Lernen“. So könnten interessen-, kooperations- und projektorientierte Lernprozesse zunehmen und Bildungsungerechtigkeit sowie Schulstress verringert werden.

7. Wenn die Arbeitsbedingungen in den Bildungseinrichtungen verbessert werden, werden Zufriedenheit und Motivation im ganzen System wachsen. Dafür müssen anspruchsvolle Fortbildungen und Supervisionen regelmäßig angeboten werden. Solche qualitativen Verbesserungen werden das Berufsbild der Lehrer und Erzieher aufwerten und schließlich zur Verringerung des Personalmangels im Bildungsbereich führen.

8. Im Bewusstsein, dass wir heute nicht wirklich wissen, welches Wissen für die Zukunft tatsächlich relevant sein wird, müssen die noch an den klassischen bildungsbürgerlichen Idealen ausgerichteten Lerninhalte, reduziert werden. So lässt sich mehr Zeit für Kernkompetenzen gewinnen. Handwerkliche, soziale und künstlerische Inhalte bekämen mehr Bedeutung und würden besser wertgeschätzt. Dies könnte den sozialen Zusammenhalt stärken, zu der gewünschten Aufwertung der nichtakademischen Bildungsgänge führen und schließlich dem Fachkräftemangel entgegenwirken.

9. Spezielle Unterstützung für Inklusion, Integration und andere sozialpädagogische und sozial-psychologische Maßnahmen müssen möglichst ein integrierter Teil der Bildungseinrichtungen sein und durch einen wirklich angemessenen Personalschlüssel gestützt werden.

10. Damit sich die Bildungseinrichtungen zukunftsorientiert und lebenspraktisch weiterentwickeln können, müssen sie im ständigen systemischen Austausch mit den Familien, mit Wissenschaft, Wirtschaft, Handwerk und Kultur stehen.



Ausblick

Diese Bildungsinitiative ist mittlerweile als ein eigenständiges Projekt beim „Haus der Nachhaltigkeit Ulm, Neu-Ulm und der Region“ angesiedelt. Dort orientiert sich der „Runde Tisch“ am Artikel 4 des UNESCO Nachhaltigkeitsmanifests.

Die „Ulmer Thesen“ wollen die Reformkräfte im Bildungssystem von außerhalb, aus der Gesellschaft heraus, unterstützen. So ließe sich eine größere Wertschätzung für die pädagogischen Akteure wecken und es entstünde eine zuversichtlichere und freudvollere Grundhaltung bei den Beteiligten. Die reich vorhandene Kreativität würde bestärkt und der Mut zu grundlegenderen Reformen gestärkt werden.



Der „Runde Tisch“ freut sich über Kommentare und Anregungen. Wer mitarbeiten möchte, ist herzlich willkommen.

Nähere Infos / Fragen gerne an:
u.usadel-schroeder@gmx.de